Verabschiedung von Archivdirektor Prof. Dr. Hans Otte

Grußwort des Verbands kirchlicher Archive in der AABevK zur Verabschiedung von Ltd. Archivdirektor i.K. apl. Prof. Dr. Hans Otte am 31. August 2015 in Hannover

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Dr. Bettina Wischhöfer (Verband kirchlicher Archive)

Sehr geehrter Herr Landesbischof, sehr geehrte Damen und Herren, liebe Kolleginnen und Kollegen, liebe Familie Otte, lieber Hans,

„In den letzten Jahren hat sich die elektronische Datenverarbeitung als Teil der Büroarbeit in der Verwaltung durchgesetzt, und auch für die Archive und Bibliotheken ist es kaum strittig, daß der Einsatz von Computern sinnvoll ist [S.22]. … Insgesamt läßt sich sagen, daß der EDV-Einsatz den Charakter als Hobby verloren hat; in absehbarer Zeit wird sich der Computer auch am Arbeitsplatz des Kirchenarchivars weitgehend durchsetzen.“ Für die Zukunft sind „nur solche Systeme sinnvoll, die grundsätzlich erweiterungsfähig sind. Plant man seine Beschaffung entsprechend, kann man gut mit einem einzelnen PC die ersten Schritte bei der Verzeichnung oder Textverarbeitung wagen“ [Seite 31].
Dieses Zitat aus dem Jahr 1991 stammt – Sie ahnen es schon – aus der Feder des Jubilars. Hans Otte hatte für den Verband kirchlicher Archive vor 24 Jahren die Tagung „EDV in Kirchenarchiven“ organisiert und resümierte damals in den „Allgemeinen Mitteilungen Nr. 30“ der Arbeitsgemeinschaft.
Um Missverständnisse auszuräumen: Zu würdigen habe ich nicht 34 Jahre verantwortungsvolles Wirken im Landeskirchlichen Archiv in Hannover [1981-2015], sondern die fast ebenso lang währende, intensive Mitarbeit im Verband kirchlicher Archive in der Arbeitsgemeinschaft der Archive und Bibliotheken in der evangelischen Kirche. Der EKD-Verband, dem 62 evangelische Archive angehören, erfüllt Aufgaben, die von einzelnen Archiven nicht geleistet werden können. Dazu gehören die Diskussion von Grundsatzfragen in Archivrecht und Archivtechnik, die Herausgabe der Verbandszeitschrift „Aus evangelischen Archiven“ und eben auch die Organisation von Fortbildungsveranstaltungen.
Lieber Hans, Du warst in Deiner Verbands-Karriere auf fast allen Gebieten tätig und hast im Laufe der Zeit viele unterschiedliche Rollen mit Leben gefüllt:

  • als dynamisches Verbandsmitglied etwa zum Thema „EDV-Einsatz in evangelischen Kirchenarchiven“ – siehe oben …,
  • als Mitinitiator der „Arbeitsgemeinschaft Norddeutscher Kirchenarchive“ zusammen mit Bernd Hey und Gaby Stüber, aus der sich 1991 die regionalen Fortbildungen entwickelte, gemeinhin Nordschienen- und Südschienentagung genannt,  (Diese erste Tagung fand übrigens in Hannover im Stephansstift statt. Das Format entwickelte sich prächtig, die 25. Nordschienentagung gab es dieses Jahr in Loccum, und die Parallelveranstaltung, die 24. Südschienentagung in Eisenach.)
  • als munterer Vorsitzender des Verbands kirchlicher Archive in den Jahren 1992 bis 1998 mit zwei offenen Ohren für Viele und Vieles,
  • als Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft der Archive und Bibliotheken in den Jahren 2004 bis 2007 … hier hast Du Dich nach dem Ausscheiden von Dr. Walter Schulz, der damals zur Ostfriesischen Landschaft wechselte, in die Pflicht nehmen lassen,
  • vorher und danach als diskussionsfreudiges Vorstandsmitglied in Verband und Arbeitsgemeinschaft bis 2010,
  • und last but not least in der Rolle des „elder archivist“ bis 2015 im Wissenschaftlichen Beirat des Verbands.

Liebes Publikum, Sie sehen schon: „ein Leben ohne Verband kirchlicher Archive ist möglich, aber sinnlos … [frei nach Loriot].
Kennengelernt habe ich Dich, lieber Hans, bei meinem Antrittsbesuch im Juli 1993 in Hannover. Damals war ich das „Greenhorn“, das in Hannover freundlich empfangen wurde und aus einem gut funktionierenden Archiv viele Anregungen mit nach Kassel nehmen konnte.
Im Mai 1994 hast Du eine „Tagung für NeueinsteigerInnen ins kirchliche Archivwesen“ im Hanns-Lilje-Haus organisiert. Sie fand in kleinem Kreis statt … und an die Intensität und den nachhaltigen Nutzen kann ich mich gut erinnern. Zwei unserer Themen kreisten damals um den „Umgang mit der Sparwelle“ und die elementare Frage, „wie ein Archiv auf seine Belange aufmerksam mache“ … nach wie vor äußerst aktuell!
Die anfangs erwähnte Tagung zum EDV-Einsatz in Archiven kreiste 1990 hauptsächlich um die Finanzierbarkeit des Ganzen, während heute – einen Quantensprung weiter und an der Schwelle zum Total-Digitalen das Geld für DMS trotz Sparmodus meistens vorhanden ist … hier müssen wir, die Archive, eher darauf achten, frühzeitig in den allgemeinen Wandlungsprozess in den Disziplinen Digitalisierung, Vernetzung und Online-Stellung eingebunden zu werden. Die „Kleinen Schriften 3“ des Verbands beschäftigen sich übrigens ganz aktuell genau damit, nämlich mit Dokumentenmanagement, elektronischer Archivierung und der angemessenen Rolle der Archive in diesem Prozess.
Es bleibt mir, herzlichen Dank zu sagen für vielfältiges Engagement im Verband kirchlicher Archive. Schließen möchte ich, lieber Hans, mit der 3. Strophe von Paul Gerhardts „Geh aus mein Herz und suche Freud“, 1653 in einem Berliner Gesangbuch erstmals veröffentlicht. Das Kirchenlied stand im Zentrum einer Andacht, die Du in Berlin im Mai 2014 bei einer gemeinsamen Nord- und Südschienentagung gehalten hast, und die sich mir eingeprägt hat. Die Verbindung des einen mit dem anderen möchte ich gern dem Einzelnen überlassen:
„Die Lerche schwingt sich in die Luft,  das Täublein fliegt aus seiner Kluft, und macht sich in die Wälder; die hochbegabte Nachtigall ergötzt und füllt mit ihrem Schall Berg, Hügel, Tal und Felder.“
Vielen Dank.

Bettina Wischhöfer


Dankwort
von Prof. Dr. Hans Otte am 31. August 2015 in Hannover

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Prof. Dr. Hans Otte nach der Urkundenübergabe mit Ehefrau (links) und Dr. Stephanie Springer, der Präsidentin des Landeskirchenamtes Hannover

Sehr geehrter Herr Landesbischof, verehrte Frau Präsidentin, sehr geehrter Damen und Herren, liebe Kolleginnen und Kollegen,

nun gilt es Dank zu sagen: für die Predigt, die Liturgie mitsamt der Planung des Gottesdienstes, für die Musik mit der Orgel, dem LKA-Chor und dem Posaunenchor für die mitreißende Begleitung. Es ist schon etwas ganz Besonderes, dass eine Behörde – und das Landeskirchenamt ist eine Behörde – so viele gute Sänger und Bläser besitzt, dass daraus Chöre geformt werden können, die bereit sind, ihre Arbeit im Büro zu unterbrechen und zum Abschied eines Kollegen zu singen und spielen. Ihnen allen, die Sie gekommen sind, danke ich für die Teilnahme am Gottesdienst. Einen Gottesdienst mit vielen Menschen zu feiern, macht einfach Spaß und erleichtert mir den Abschied. Dank sage ich der Küche, die den Imbiss vorbereitet hat. Als treuer Kunde der LKA-Küche weiß ich genau, wieviel Arbeit das Küchenteam täglich hat. Es ist nicht selbstverständlich, neben dem Essen für die Kantine noch einen Imbiss vorzubereiten.
Ein besonderer Dank geht natürlich an diejenigen unter Ihnen, die einen Beitrag zu der mir eben überreichten Festschrift geliefert haben. Es ist ja ein spezielles Zeichen der Verbundenheit und Freundschaft, einen solchen Beitrag zu übernehmen, sich also ein halbes Jahr vorher dafür den Kopf zerbrechen zu müssen. Ich wusste zwar seit meinem 65. Geburtstag, der nun schon drei Monate zurückliegt, dass das Jahrbuch 2015 mir gewidmet ist, denn an meinem ‚richtigen‘ Geburtstag erhielt ich von Frau Prof. Mager ein Vorab-Exemplar. Aber jetzt das ordentlich fertig gestellte Jahrbuch in der Hand zu haben, berührt mich doch besonders. Allen Beiträgern, die hier sind, danke ich so von Herzen.
Last not least geht der Dank natürlich an diejenigen, die vor mir gesprochen haben. Ich habe ihre Ansprachen als Anwendung von Luthers Erklärung zum achten Gebot gehört. Sie werden sich vielleicht – hoffentlich – daran erinnern: Im Kleinen Katechismus hat Martin Luther die zehn Gebote mit einer Erklärung versehen. Sie erläutert nicht nur das Verbot, sondern beschreibt es auch positiv. Diese Erklärung beginnt jeweils mit dem Satz: „Was ist das?“ und beim achten Gebot lautet sie: „Was ist das? Wir sollen Gott fürchten und lieben, daß wir unseren Nächsten nicht fälschlich belügen, verraten, afterreden oder bösen Leumund machen, sondern sollen ihn entschuldigen, Gutes von ihm reden und alles zum Besten kehren.“ Dass Sie so mit mir verfahren sind, liebe Vorrednerinnen und Vorredner, dafür danke ich Ihnen ganz herzlich, denn ich bin – wie wir alle – darauf angewiesen, dass Gutes von uns gesagt und alles zum Besten gekehrt wird. Das gilt allemal, wenn man mehr als dreißig Jahre an einer Stelle gearbeitet hat und so mit einer Fülle von Personen in Kontakt gekommen ist. Am Ende bestehen wir nur, wenn alles zum Besten gekehrt wird. Das gilt für mich und damit auch für die Arbeit in Archiv und Bibliothek.
Vor 47 Jahren war ich das erste Mal im Landeskirchlichen Archiv, das damals noch im Landeskirchenamt, hinten im Fürstenhof, untergebracht war. Ich war Schüler und wohnte nach dem frühen Tod meiner Mutter bei einem Onkel, der Pastor in Engelbostel war. Historisch interessiert, wollte ich wissen, was es zu diesem Dorf für Quellen im Landeskirchlichen Archiv gab. Die Ausbeute war mager: Urkunden gab es nicht, dafür einen Hinweis auf das Calenberger Urkundenbuch, die Kirchenbücher wurden genannt und vor allem die Quellen im Pfarrarchiv. Der damalige Landeskirchliche Archivar, Dr. Helmut Speer, nahm sich Zeit für den Schüler, das war wunderbar. Er saß allein in einem großen Raum, umgeben von Findbüchern der Pfarrarchive. Neben ihm gab es noch zwei Mitarbeiter, die ich erst später kennen lernte, weil sie im Außendienst tätig waren und Pfarrarchive ordneten. – Die Konzentration auf die örtlichen Quellen war typisch für die damalige Arbeit im Landeskirchlichen Archiv, auch ich habe nach dem Referendariat, zu Beginn meines Dienstes im Landeskirchlichen Archiv zwei Pfarrarchive geordnet: Oederquart an der Nordseeküste und dann Zellerfeld im Harz, das schon zusammen mit Herrn Girmann, der auch heute noch im Archiv arbeitet.
Die Konzentration auf die Betreuung der Pfarrarchive war historisch bedingt: Sie war eine Folge des Zweiten Weltkriegs. In der berühmten Bombennacht Hannovers 9. Oktober 1943 waren zwei Drittel des Archivbestands verbrannt, erhalten blieb nur, was rechtzeitig ausgelagert worden war. Alle, die das alte Landeskirchenarchiv kannten, sahen den erhalten geblieben Bestand als Fragment an, als kläglichen Rest. Was den Krieg überstanden hatte, galt als wenig interessant; so war es erst 1957/58 aus der Auslagerung nach Hannover zurückgekommen. Die Archivarbeit nach Kriegsende konzentrierte sich auf die Archive der Kirchengemeinden und Superintendenturen, sie waren weitgehend intakt geblieben. Im Landeskirchlichen Archiv selbst gab es keine Signaturen für die Bestände, es gab nur Findlisten für einzelne Bestände. Manches galt auch als gefährlich, das besser im Verborgenen blieb. So waren die Akten zur NS-Zeit weggeschlossen. Akten aus der Zeit nach 1945 waren noch gar nicht ans Archiv abgegeben. Das fiel nicht weiter auf, weil es keine Archivtektonik gab, keine Systematik, um den Gesamtbestand zu erfassen. Das wunderte mich als Anfänger sehr. Heute, mehr als 30 Jahre später, ist mir der Grund dafür deutlich: Der Archivar war wirklich Herr über die Akten. Er konnte entscheiden, was einem Besucher zuzutrauen war und was nicht. Anders heute: Jetzt gibt es Findbücher, die die Interessenten einsehen können, und wir sind dabei, sie ins Internet zu stellen, dann können die Interessenten selbst entscheiden, welche Akten sie einsehen wollen. Das war damals eine Grundsatzentscheidung, die wir gemeinsam getroffen haben: Das Archiv soll ein möglichst offenes Archiv sein, zugänglich auch für Forschungen zur NS-Zeit.
Natürlich wollte ich damals möglichst schnell einen Überblick über das Archiv und seinen Aufbau gewinnen, um nicht bloß auf das Erfahrungswissen des Vorgängers und der Mitarbeiter angewiesen zu sein. Zusammen mit den damaligen beiden Mitarbeitern entwickelten wir eine systematische Ordnung des Archivs. Dann konnten jede Akte eine Signatur erhalten, und es war klar, was noch erschlossen werden musste, wo Findbücher fehlten. Zu dritt haben wir uns damals in die Arbeit gestürzt. Jede Akte musste angefasst werden, eine Signatur erhalten und es musste geprüft werden: Ist die Akte schon irgendwie erschlossen? Das hat mir damals riesigen Spaß gemacht, dabei konnte man wunderbare Entdeckungen machen. Ich stieß damals auf eine Akte über die kirchliche Versorgung von Lutheranern in Nordcarolina, sie lag ganz bescheiden zwischen den Pfarrbestellungsakten von Norderney und Nordleda. Nordkarolina zwischen Norderney und Nordleda, das hat eine gewisse Logik: Hier regiert das Alphabet, unbekümmert um geographische Zuordnungen.
Diese Erschließung des Archivs kostete viel Zeit, war aber unbedingt nötig. Damals lernte ich das Archiv wirklich kennen. Was ich vom Archiv weiß, habe ich damals gelernt. Diese intensiven ersten Jahre hatten eine Konsequenz: Ich musste jeden Gedanken aufgeben, dass ich im Archiv eine wissenschaftliche Sinekure hätte, dass ich also hier unbesorgt vor mich hin forschen könne. Das traf zuerst meine Dissertation. Sie wurde nicht so schnell fertig wie geplant. Um zu einem Ende zu kommen, begann ich damals, jeweils abends noch einmal und am Sonnabend, am Schreibtisch zu sitzen. Wenn ich nach Hause kam, schlief ich erst eine halbe Stunde, dann konnte ich mich abends noch einmal an den Schreibtisch setzen, wenn die Kinder im Bett waren. Diesen Arbeitsstil habe ich bis heute beibehalten, erfreulicherweise ist ja das Fernsehprogramm nur selten so gut, dass es sich wirklich lohnt, den Abend vor dem Fernseher zu verbringen. Unter diesen Umständen konnte ich mit der Göttinger Theologischen Fakultät in Verbindung bleiben. Zunächst war es die Dissertation, dann der Lehrauftrag und die Habilitation, zuletzt die außerplanmäßige Professur – all das wurde freundlich begleitet: in Göttingen von den Mitgliedern der Fakultät, in Hannover noch von vielen anderen.
In Hannover ist zuerst meine Frau zu erwähnen, die das alles (fast immer) tolerierte; dann aber von vielen Archivkollegen, die ich fragen und notfalls um Hilfe bitten konnten. Neben den Mitarbeitenden im Landeskirchlichen Archiv galt und gilt das zuerst von den Kolleginnen und Kollegen des Landesarchivs: Ich konnte sie jederzeit bei Restaurierungsfragen um Hilfe bitten, ebenso später bei der Einführung der EDV. Rat und Hilfe erfuhr ich aber auch von den Kolleginnen und Kollegen der anderen Kirchenarchive: Sie hatten meistens ganz ähnliche Probleme – wer mit Pfarrern umgeht, kann sich vorstellen, wie schwierig das sein kann. Da war es tröstlich zu hören, was Kollegen erlebten, welche Lösungen sie hatten. Daher habe ich mich sehr früh schon im Verband kirchlicher Archive engagiert. Ich wusste, ich kann davon profitieren, und wenn ich umgekehrt mal helfen kann, freut es mich besonders. In einer Hinsicht hatte ich es leicht: Ich hatte in all den Jahren pflegeleichte juristische Dezernenten: Dr. Eberhard Sperling und Jürgen Drechsler. Sie waren juristisch kompetent – was von ihnen kam, hatte Hand und Fuß, konnte in der Regel ohne weiteres akzeptiert werden – und sie ließen mir auch die nötige Freiheit. Wenn ich von anderen Archiven hörte, wie dort die Archivare geschuriegelt wurden, dann konnte ich mich freuen, wieviel Freiheit zur Arbeit mir gelassen wurde. So konnte ich mich dann auch in wissenschaftlichen Arbeitskreisen und Kommissionen weiterhin engagieren; insbesondere – weil besonders arbeitsintensiv – in der Historischen Kommission der Länder Niedersachsen und Bremen, in der Historischen Kommission zur Erforschung des Pietismus und in der Historischen Kommission des Dt. Nationalkomitees des Luth. Weltbundes. Weil ich in diesen Kommissionen noch ein bisschen weiterarbeiten kann, will ich hier dazu nichts weiter sagen. Ich habe diese Kommissionsarbeit dankbar genossen, weil sie einen Blick über den Tellerrand hinaus ermöglichte. Schon deshalb habe ich versucht, mich intensiv einzubringen.
All das wäre nicht möglich gewesen ohne die Mitarbeit der Kolleginnen und Kollegen im Archiv und in der Bibliothek des Landeskirchenamts. In Bibliotheksfragen war mir immer klar, wie wenig ich weiß, und wie wichtig es ist, im Team gemeinsam zu beraten und Entscheidungen zu treffen. Als ich die Bibliotheksleitung übernahm, stand die Entscheidung an, ob und wie die EDV einzuführen war und welchem Bibliotheksverbund wir uns anschließen sollten. Wir haben die Entscheidungen damals gemeinsam getroffen, und ich kann nur hoffen, dass ich den Bibliothekskolleginnen auch immer deutlich gemacht habe, wie dankbar ich Ihnen für diese Zusammenarbeit war und bin. Und das gilt auch für die ArchivkollegInnen: ich konnte unbesorgt zu irgendwelchen Sitzungen fahren, weil ich wusste, „der Laden läuft“.
Geradezu schlagend ist mir das in den letzten Jahren deutlich geworden: Wie Sie vielleicht wissen, kann im Archiv seit fast drei Jahren wegen der Konkurrentenklage eines abgewiesenen Bewerbers eine zentrale Mitarbeiterstelle nicht besetzt werden. Die Arbeit musste provisorisch neu verteilt werden. Das hat aber innerhalb des Archivteams eher zu einem Solidarisierungseffekt geführt: Die Benutzer und die Kirchengemeinden, die wir beraten und unterstützen, sollen keinen Schaden erleiden. Dass die Archivkollegen die dadurch notwendige Mehrarbeit (fast) klaglos übernahmen, habe ich bewundert und dafür bin ich dankbar. Ich hoffe natürlich, dass ich das auch ausreichend an die Leitung des Landeskir-chenamts kommuniziert habe – dieses Engagement der ArchivmitarbeiterInnen ist nicht selbstverständlich, und sollte jetzt auch durch einen Beifall anerkannt werden.

Vor einigen Tagen fragte mich eine Bekannte: Gibt es ein Bild oder Sätze, die Sie im Lauf der Jahre begleitet haben? Als Antwort fielen mir sofort zwei ganz verschiedene Zitate ein:
Das eine Zitat lautet: „Colligite fragmenta, ne pereant.“ Dieser lateinische Satz war die Devise für das Wappen des Kölner Domherrn Alexander Schnütgen (1842-1918), des Gründers und Stifters des Kölner Schnütgen-Museums für mittelalterliche Kunst. Die Lateiner unter ihnen werden vielleicht schon wissen, woher der Spruch kommt. Die bekannteste deutsche Übersetzung heißt: „Sammelt die Brocken, dass nichts umkomme.“ Die Bibelfesten unter ihnen haben jetzt vielleicht erkannt, woher das Zitat stammt: Aus Johannes 6, aus dem Schluss der Geschichte von der Speisung der 5000. – Es ist mutig, ein solches Zitat auf die eigene Tätigkeit zu beziehen. Aber da ist doch etwas Wahres dran. Wir alle leben von den Fragmenten der biblischen Botschaft, die wir empfangen und die wir weitergeben. Dazu sind wir als Christen aufgerufen: Sammelt die Brocken, dass nichts umkomme, damit wir sie weitergeben können. Archiv und Bibliothek der Kirche sind nur Kristallisationspunkte für diese Aufforderung, sie gilt uns allen.
Das zweite Zitat ist etwas länger. Sie werden es kennen, es handelt sich um das kurze Gedicht die „Wünschelruthe“ von Joseph von Eichendorff:
„Schläft ein Lied in allen Dingen, die da träumen fort und fort, und die Welt fängt an zu singen, triffst Du nur das Zauberwort.“
Durch einen Vortrag von Gerhard Schäfer, seinerzeit Vorsitzender der Historischen Kommission zur Erforschung des Pietismus, wurde ich auf das Gedicht aufmerksam. Schäfer referierte über den schwäbischen Pietisten Johann Christoph Oetinger (1702-1782) und dessen Naturphilosophie. Sein „Biblisches und emblematisches Wörterbuch“ enthält den schönen Satz „Leiblichkeit ist das Ende der Werke Gottes, …“ Oetinger ging es immer wieder um die Verbindung von Geist und Körper – Leiblichkeit. Schäfer referierte nun über die Wirkungen dieser christlich begründeten Naturphilosophie und verwies am Ende auf Eichendorffs Gedicht. Eichendorff rezipierte mit anderen Dichtern seiner Zeit diese Idee, dass in den Dingen, weil von Gott geschaffen, Geist – hier in Gestalt ein Liedes – eingeschlossen ist; dieser Geist kann durch ein Wort wie durch eine Wünschelrute befreit werden. – Ich weiß noch, dass es mich damals, als ich den Vortrag hörte, wie einen Blitz durchfuhr: Ja, so ist es beim Verzeichnen oder Durchsehen langweiliger Akten: Manchmal lesen wir einen Satz, eine Erklärung, und plötzlich verstehen wir den Zusammenhang. Dadurch wird das, was eben noch sinnlos oder langweilig erschien, spannend und klar. Die Recherche macht wieder Spaß, die weitere Lektüre lohnt sich, um klarer zu sehen.
Das sind m. E. die beiden Pole, um die sich meine Arbeit drehte: Einerseits der Aufruf Jesu: Colligite fragmenta, ne pereant, andererseits die geistvolle Erfahrung Eichendorffs, die er – auf seine Weise, romantisch – mit dem Ausdruck „Zauberwort“ fasste, die aber eine grundlegende Erfahrung ist: „Schläft ein Lied in allen Dingen, die da träumen fort und fort,  /  und die Welt fängt an zu singen, triffst Du nur das Zauberwort.“ Diese geistvolle Erfahrung wünsche ich uns allen, immer wieder. Vielen Dank.

Hans Otte

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