VkA zur Freischaltung des Kirchenbuchportals

Grußwort von Dr. Bettina Wischhöfer, Vorsitzende des Verbands kirchlicher Archive in der EKD, anlässlich der Freischaltung des Kirchenbuchportals „Archion“ am 20. März 2015 im Kasseler Haus der Kirche:

www.Archion.de - Das Kirchenbuchportal geht online

Dr. Bettina Wischhöfer, Vorsitzendes des Verbands kirchlicher Archive, am 20. März 2015 (Foto: medio.tv/Socher)

Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Kolleginnen und Kollegen, wie groß ist die Schnittmenge zwischen Kirchenbüchern und Sonnenfinsternissen? Größer als Sie denken: gerade die älteren Kirchenbücher bis 1830 enthalten bisher nicht systematisch ausgewertete, sehr interessante chronikartige Beschreibungen. Auch astronomische Phänomene – erlauben Sie mir diesen Hinweis angesichts der heutigen partiellen Sofi – fanden ihren Niederschlag.

„Wann hier der Himmel hell und die Lufft klar / so werden wir Europäer diese Bedeckung der Sonnen recht zu Gesicht bekommen. … Diese Finsternueß wird fast groß seyn / dann die Sonne in dem Hessen-Casselischen Horizont fast [ganz] … von den Mond bedecket und dessen Liechts uns beraubet werden / welches dann bey vielen / sonderlich bey denen davon nicht unterrichteten / nicht wenig Schrecken verursachen doerffte“.

Beschrieben wurde diese partielle Sonnenfinsternis, ganz ähnlich der heutigen, 1699 im Kirchenbuch Altenhasungen (Kirchenkreis Wolfhagen). Übrigens ganz herzlichen Dank an meine Mitarbeiter, die diese Quelle gestern noch auf die Schnelle recherchiert haben.

„Wie diese Finsternueß / wann nur die Lufft klar und ohne Wolcken / erscheinen wird zu Cassel in Hessen fast umb halb 11 Uhr vor dem Mittage / und also zur Zeit ihrer groessesten Verdunckelung / solches habe ich in beygefuegter Figur vorstellen wollen / da dann zu sehen / daß von der Sonnen unten gegen Sueden nur etwas noch klar und ohnbedeckt oder ohnverdunckelt wird gesehen werden.“

Es folgt eine SoFi-Skizze, bezogen auf „Cassell in Hessen“.

soficassel

Landeskirchliches Archiv Kassel, E 1 Pfarrarchiv Altenhasungen Nr. 84, Kirchenbuch 1690-1701 im Hessischen Schreibkalender

In der Frühen Neuzeit wurden Himmelserscheinungen häufig als Vorboten kommender Katastrophen interpretiert. Wir nehmen die heutige Sonnenfinsternis als gutes Omen für Archion. Wer sich für derartige Fragestellungen interessiert, der kann ab heute komfortabel online in der hochspannenden Quelle der Kirchenbücher forschen.

Dass dies heute … endlich … möglich ist, hat zehn Jahre gedauert. Die allerersten Anfänge des Projekts liegen in Kassel, genauer im Landeskirchenamt. Im Februar 2005 diskutierte die Verbandsleitung … nur einen Raum weiter … unter dem Tagesordnungspunkt 8.4 die Reproduktionspraxis bei Kirchenbüchern. Daraus entwickelte sich eine Umfrage bei den Mitgliedsarchiven des Verbands kirchlicher Archive. Zur Vorbereitung eines Studientags in Hannover ging es darum, „wie die kirchlichen Archive auch in Zukunft die Verfügungsgewalt über ihre Quellen behalten können“. Damals wurde auch geklärt, ob die Landeskirchlichen Archive den Aufbau eigener Kirchenbuchdatenbanken planen.

Im Herbst wurde weiterdiskutiert: etwa die Möglichkeit, eigene Images digitalisierter Kirchenbücher im Netz zu präsentieren. Schließlich wurde Anfang 2006 in Nürnberg ventiliert, „ob es nicht doch einen eigenen kirchlichen Weg zur Digitalisierung gebe“ – es gab!

Der erwähnte Studientag fand dann im September 2006 in den EKD-Räumlichkeiten in Hannover statt – damals nahmen ähnlich viele Interessierte wie heute teil. Nachbereitet und festgeklopft wurde mit einer evaluierenden Umfrage im Verband: ein klares Votum für eine EKD-weite Kirchenbuch-Internetlösung stand unter dem Strich!

Was nun folgte, füllt inzwischen allein in meinem Dienstzimmer acht große Leitz-Ordner und hat weitere ungezählte Sitzungen und Telefonkonferenzen gedauert. Zeitweilig gab es neben dem Geschäftsführenden Ausschuss, der ökumenisch besetzt war, auch die Arbeitsgemeinschaften Recht, Technik, Funktionalitäten, Finanzen und Pilotierung. Beteiligt waren viele: Archivarinnen und Archivare – im besten Sinn zeigte und zeigt sich hier die Stärke des Verbands, Aufgaben in Angriff zu nehmen und zu bewältigen, die von einzelnen Archiven nicht geleistet werden können. Mitgearbeitet haben aber auch Marketing- und IT-Experten, Finanzprofis und Juristen, und last but not least Genealogen. Flankierend unterstützte das Fraunhofer-Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation seit 2011 das Projekt, und es ist sehr schön zu sehen, dass so viele langjährige Wegbegleiter heute nach Kassel gekommen sind!

Jetzt kurz noch einige Eckdaten einer Projektgeschichte, die auch Umwege und Schleifen hatte: Die katholischen Kollegen haben uns – wie eben angedeutet, eine Zeit lang (von 2008 bis 2010) begleitet, derzeit gehen wir auf unterschiedlichen Wegen.

Erste Hinweise auf die Internetpräsenz unseres Kirchenbuchportals finden sich ab Mai 2007. Seit 2010 wurden und werden in den einzelnen Landeskirchlichen Archiven verstärkt Kirchenbücher digitalisiert. Der Finanzbeirat der EKD gab 2011 und 2012 in Etappen grünes Licht für ein Darlehen. In der Phase bis zur Gründung der GmbH war übrigens Kassel – mal im Landeskirchenamt, öfter im Landeskirchlichen Archiv in der Lessingstraße – mit Abstand der meistfrequentierte Sitzungstreffpunkt.

Im Mai 2013 konnte die Kirchenbuchportal GmbH in Stuttgart gegründet werden, an Bord waren elf Landeskirchen und die EKD als Gesellschafter – und in naher Zukunft werden zwei weitere Landeskirchen als Gesellschafter dazu stoßen!

Wiederum in Kassel startete die geschlossene Beta-Phase – im September 2014 auf dem 66. Genealogentag mit insgesamt 4.000 Probenutzern. Und heute, mit Frühlingsbeginn und während die partielle Sonnenfinsternis ihr Maximum gerade vor wenigen Minuten überschritten hat, feiern wir in Kassel den Start in den Echtbetrieb! So hat der Ort schon etwas Historisches, dieser Tag aber in mehrfacher Hinsicht etwas Unikales, Einmaliges.

Von den zwölf Gesellschaftern der GmbH haben elf Vertreter entsandt. Mitglieder des Aufsichtsrats sind anwesend, der Geschäftsführer und die ausführenden Firmen sowieso. Nicht nur die Fachwelt, auch unsere Kunden, Genealogen und Wissenschaftler, sind unserer Einladung zahlreich gefolgt und feiern mit. Die nächste partielle Sonnenfinsternis heutiger Ausprägung in Mitteleuropa wird in gut zehn Jahren stattfinden – im August 2026, dann werden längst alle Kirchenbücher online zu recherchieren sein, zusammen mit vielen anderen personenbezogenen Quellen. Archion wird als Portal etabliert sein und wir treffen uns – so Gott will – in Kassel wieder.

Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit!

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