Brand der Willehadi-Kirche 2013 in Garbsen

In der Stadt Garbsen, einer ‚jungen Stadt’, die nach dem Zweiten Weltkrieg rasch gewachsen war, wurde für das dortige Neubaugebiet 1968/69 die Willehadi-Kirche errichtet. Die Kirche, ein frei stehender Glockenturm, Pfarrhaus und Gemeindehaus befinden sich zusammen auf dem Kirchengrundstück. Das neben der Kirche errichtete Gemeindehaus befand sich seit kurzem im Abriss und soll durch einen Neubau ersetzt werden. Für den Zeitraum der Bauarbeiten lagerte das Pfarrarchiv im Keller der Willehadi-Kirche.

Wiederholt war es in der Vergangenheit in Garbsen zu Brandstiftungen gekommen. In der Nacht zum 30. Juli 2013 zündeten bis heute unbekannte Täter das im Abriss befindliche Gemeindehaus an. Innerhalb kürzester Zeit griff das Feuer auf die Kirche über. Als die Feuerwehr nach der Alarmierung am Brandort ankam, brannte die Kirche bereits vollständig. Nach lang andauernden Löscharbeiten blieb eine Ruine zurück. Das Dach stürzte herab und lag auf den zerstörten Kirchenbänken. Das Kruzifix aus Bronze hing einsam an der Kirchenmauer. Löschwasser stand im Keller bis fast 1,50 m hoch. Um die Brandursache zu finden, nahmen Brandermittler der Kriminalpolizei die Arbeit auf.

Am Dienstag, 30. Juli 2013, wurde das Landeskirchliche Archiv Hannover mit dem Notruf alarmiert: Das Pfarrarchiv „steht im Löschwasser“. Zur Mittagszeit wurde ich als Notfallbeauftragte informiert, damit erste Maßnahmen zur Bergung eingeleitet werden konnten.

Das Landeskirchliche Archiv und die Bibliothek des Landeskirchenamts Hannover können als Mitglieder im „Notfallverbund Kulturgutschutz der Region Hannover“ auf den Kooperationsvertrag mit der Fa. MUK Logistik GmbH – Kühlhaus Wunstorf, zurückgreifen, das für geschädigtes Kulturgut Kühlkapazitäten vorhält. Prof. Dr. Hans Otte, Leiter des Lk. Archivs, nahm also unmittelbar nach dem Notruf Kontakt zu der Arbeitsgruppe vom Notfallverbund auf und informierte außerdem die Fa. MUK Logistik, dass sie Kühlkapazitäten freihalten solle. Am Nachmittag des 31. Juli gaben die Brandermittler von ihrer Seite aus die Kirche frei.

Das Amt für Bau- und Kunstpflege der Landeskirche Hannovers beauftragte einen Statiker mit der Prüfung, ob das Gebäude ohne zusätzliche Sicherungsmaßnahmen betreten werden konnte. Die Abrissfirma, welche eigentlich mit den Arbeiten am Gemeindehaus beschäftigt war, sollte das Abpumpen und den Abtransport des kontaminierten Löschwassers organisieren.

Leider dauerten die Untersuchungen des Statikers sowie die endgültige Freigabe des Gebäudes sehr lange. Zunächst ruhte die Arbeit am Brandort über das Wochenende(3./4. August). Ich fuhr am Samstag (3. August) nach Garbsen. Die Kirche war inzwischen durch einen Bauzaun abgesichert, Bänder hingen an dem Absperrgitter, die die Solidarität zur Gemeinde ausdrückten. Ich sprach mit dem Kirchenvorstandsvorsitzenden, Prof. Dr. Günter Seeber, über die Hilfe bei der Bergung der Archivalien und verschaffte mir einen Überblick, wie das Gelände aussieht: Wo war der Eingang zum Keller? Wo können wir unsere Tische aufstellen und die Archivalien bearbeiten?

Ab Montag (5. August) begannen die Aufräumarbeiten an der Kirche. Problematisch war es zunächst eine Spezialpumpe mit Filter für das kontaminierte Wasser zu besorgen. (Die in der Region Hannover vorhandenen Pumpen waren alle im Einsatz.) So konnte erst eine Woche nach Ausbruch des Brandes damit begonnen werden, das Löschwasser abzupumpen und abzutransportieren.

Ein Blick auf die klimatischen Verhältnisse lässt erahnen, was mit den Akten im Löschwasser passierte. In der Zeit vom 30.07.2013 bis 08.08.2013 hatten wir Tageshöchsttemperaturen zwischen 23 und 34 Grad. Auf sonniges Wetter folgten Regen und Gewitter. Durchgängig herrschte eine Luftfeuchtigkeit von ca. 80 – 90 %. Immerhin konnte in der Zwischenzeit die Rettungsaktion vorbereitet werden. Allerdings waren Notfallpläne nur für unsere eigenen Häuser (Lk. Archiv; Bibliothek des LKA) erstellt worden, deren Wege uns bekannt waren. Dagegen kannten wir die Willehadi-Kirche und deren Umgebung mit den Wegen nicht. Immerhin gab es im Landeskirchlichen Archiv, das die oberste Fachaufsicht über die Pfarrarchive der hannoverschen Landeskirche hat, für die Erstversorgung 25 stabile Transportkisten und 4 Notfallboxen für das Archiv- und Bibliotheksgut der Kirchengemeinden.

Um den Ablauf der Bergungsarbeiten zu klären, hatte ich nach meinen Besuchen einen Plan gezeichnet, wie die Tische zu stellen waren: Wo sollten die Akten angenommen werden, wo gesichtet, durch Stretchen erstversorgt und dokumentiert werden. Eine To-do-Liste half bei der Organisation dieser Arbeiten, schließlich musste auch das Material zum Einsatzort gebracht werden. Am Donnerstag, den 8. August, war es endlich soweit, dass mit der Bergung der Akten begonnen werden konnte. Inzwischen gab es für die Stromversorgung einen Dieselgenerator, so dass im Keller unter der Kirche eine Notbeleuchtung funktionierte. Allerdings benötigten auch die Arbeiter der Abrissfirma für ihre Geräte Strom; das bedeutete konkret: Entweder die Arbeiter der Abrissfirma konnten ihre Geräte benutzen oder im Keller brannte die Lampe zur Notbeleuchtung.

Nachdem die schweren, aus Bronze bestehenden Eingangstüren der Kirche geborgen und der Eingangsbereich von Brandresten geräumt war, konnte die Bergung beginnen. Dabei zeigte sich das folgende Bild: Gleich links führte eine Treppe hinunter in den Keller. Der Fußboden war etwa 5 cm mit restlichem Löschwasser bedeckt. Tüten, Plastikbehälter, aufgeweichte Kartons, Putzlappen und vieles mehr lag wild und zerstreut herum. Rund 20 lfd. m Archivalien und Registraturgut lagerten in Aktenschränken in einem gefangenen Raum im hinteren Bereich des Untergeschosses (Keller). Die Schränke standen halb im Wasser. Die Akten im unteren Bereich der Schränke waren völlig durchnässt, höher gelagertes Archivgut war inzwischen auch durchfeuchtet. Herr Otte sichtete bereits im Keller die Akten und entschied, was gerettet werden musste und auf welche Akten verzichtet werden konnte. Als wichtig galten die Archivalien, die Unikate sind und die Arbeit der Kirchengemeinde dokumentieren, z. B. Protokolle der Kirchenvorstandssitzungen, Schriftwechsel zur Diakonie und den verschiedenen Formen der Gemeindearbeit sowie die Unterlagen zu den Rechtsgeschäften der Kirchengemeinde. Die Akten, die unwiederbringlich zerstört waren, kamen zur Vernichtung gleich in einen gesonderten Papiercontainer. Bei der weiteren Bergung arbeiteten mehrere Personengruppen Hand in Hand:

  • Die Arbeiter des Abrissunternehmens räumten die Brandrückstände aus der Kirche mit schwerem Gerät;
  • Gemeindeglieder halfen beim Heraustragen von Gegenständen, die im Keller lagerten.

Mitarbeiter des Landeskirchenamts aus dem Archiv und der Bibliothek verpackten die schwer beschädigten Akten auf zwei Tapeziertischen in einer nahegelegenen Garage: Jede Akte wurde einzeln in Stretchfolie eingewickelt, die Aktenbündel nummeriert und dazu ein Verzeichnis mit den Titel der verpackten Akten erstellt. Beim Verpacken und Sortieren half auch der Archivpfleger des Kirchenkreises Garbsen, Herr Detlef Bähre. Nicht verzeichnet wurden die Akten, in die nur leichte Feuchtigkeit eingezogen war; sie konnten im Gemeinderaum einer benachbarten Kirchengemeinde zum Trocknen aufgestellt werden. Mit zwei privaten PKWs brachten wir 6 volle Kisten mit schwer geschädigten Akten zum Einlagern zur Fa. MUK Logistik nach Wunstorf.

Am 08.10.2013 konnte ich dann die zu restaurierenden Akten nach Leipzig in das Zentrum für Bucherhaltung überführen; dort wurden sie gefriergetrocknet und soweit unbedingt notwendig auch restauriert. Während dieser Zeit benötigte die Kirchengemeinde für die Wiederaufbauplanung Architekturzeichnungen und Baupläne. Nur mit einem kleinen Teil konnte dem Kirchenvorstand geholfen werden, diese Akten waren nur leicht durchfeuchtet und lagerten in Garbsen. Die Archivalien, die sich in Leipzig befanden, konnten erst nach ihrer Rückkehr wieder zur Verfügung gestellt werden.

Am 16.12.2013 kehrten die Akten nach Hannover zurück. Da das Gemeindehaus noch nicht wieder aufgebaut worden ist, lagern die restaurierten Akten zur Zeit im Landeskirchlichen Archiv; sobald im Gemeindehaus wieder ein (trockener) Archivraum zur Verfügung steht, sollen sie in die Obhut der Willehadi-Kirchengemeinde zurückkehren.

Gudrun Dammann
Notfallbeauftragte für das
Landeskirchliche Archiv und die
Bibliothek des Landeskirchenamts

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