Bericht vom 22. Norddeutschen Kirchenarchivtag in Bremen, 14./15. Mai 2012

Die Bremische Evangelische Kirche war Gastgeberin des 22. Norddeutschen Archivtages, der am 14./15. Mai 2012 im Kapitelhaus der Evangelischen St. Petri-Domgemeinde mitten in der alten Hansestadt Bremen abgehalten wurde.

Der Tagungsablauf gliederte sich in einen Einführungsvortrag und vier Arbeitsgemeinschaften (AG’s), von denen jeweils zwei zeitgleich am Nachmittag des ersten sowie am Vormittag des zweiten Tages stattfanden. Der erste Tag der Tagung gipfelte in einem Empfang durch die Bremische Evangelische Kirche. Dieses grundsätzliche Layout ist schon von früheren Kirchenarchivtagen bekannt und bewährte sich auch diesmal wieder für diese kompakte und doch sehr informative und anregende 24-Stunden-Veranstaltung.

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Wilhelm Niebecker (Landeskirchliches Archiv Bremen) bei seinem Eröffnungsreferat

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Mitveranstalter Bernd Wollenweber und Herr Krahe vom Landeskirchlichen Archiv Bremen

Den Einführungsvortrag hielt Wilhelm Niebecker, der zusammen mit seinem Kollegen Bernd Wollenweber die Kirchenarchivare nach Bremen eingeladen hatte. Der Titel des Vortrages lautete: „Die Aufnahme der Bremischen Evangelischen Kirche in die EKD 1952“. Niebecker brachte den Zuhörern dabei die Nachkriegssituation der Bremischen Kirche und auch ihre besondere konfessionelle Haltung nahe, die er – mittlerweile 80-jährig – auch mit eigenen Erlebnissen und Anschauungen aus seiner Kirchengemeinde veranschaulichen konnte.
Darauf folgte bereits die erste Arbeitsgemeinschaft unter dem Titel „Gemälde und Stiche im Archiv“. Die Referentin, Dr. Dorothee Hansen von der Bremer Kunsthalle, vermittelte uns zunächst einen kurzen Einblick in die Geschichte dieses Museums, das auf den 1823 gegründeten Kunstverein zurückgeht. Mitte des 19. Jahrhunderts wurde dann die Kunsthalle „Am Wall“ gegründet und ist seitdem – das ist ein Spezifikum dieser Einrichtung – privat finanziert. Der Fundus besteht heute in über 1.500 Gemälden, von denen jedoch nur gut 300 ausgestellt sind. Auch gibt es eine Bibliothek mit kunsthistorischer Literatur. Die Lagerung der Gemälde erfolgt bei 18 bis 20 °C Raumtemperatur und etwa 50 % relativer Luftfeuchte. Die über 200.000 Blatt Druckgrafiken werden, jeweils durch Seidenpapier oder auch Polyester als Zwischenlagen getrennt, in Mappen und Schubladen verwahrt.

Das Thema der Arbeitsgruppe 2 lautete „Tonbänder und Filme verzeichnen/digitalisieren“. Als Referent konnte Frank Egles, der Leiter des Bereichs Dokumentation und Archive von Radio Bremen, gewonnen werden. Er zeigte den modernen Standard für einen sachgerechten Umgang und eine tägliche Nutzung insbesondere von AV-Medien auf. Dies geschieht im neuen Funkhaus (seit 2007) unter dem Stichwort „Trimedialität“: Hörfunk, Fernsehen und Internet wachsen dabei zusammen. In einem ersten Schritt stellte Egles die Geschichte der Radio Bremen-Archive insbesondere seit Ende 1945 vor. Die vier historischen Rundfunkarchive – Schallarchiv (mit einem Musik- und Wortbereich), Bibliothek, Zeitungsarchiv und Fernseharchiv (seit 1959) – flossen 2006 im Bereich „Dokumentation und Archive“ zusammen. Dieser stelle ein klassisches Produktionsarchiv für die Programmredaktionen von Radio Bremen dar und sei weniger ein Forschungsarchiv; nur zehn Prozent (rund 500) aller Auskünfte bezögen sich auf externe wissenschaftliche Anfragen.

Die Medienobjekte der Bereiche Audio-Musik, Audio-Wort, Video und Print werden archiviert, dokumentiert und mittels Recherchehilfe für die redaktionelle Arbeit verfügbar gemacht. Senderelevante Medienobjekte werden dauerhaft archiviert. Die Dokumentation ermöglicht die Bereitstellung von Informationen über Medienobjekte und den Zugriff auf sie. Im Rahmen eines großen Projektes „Radio Bremen Neu“ fanden Retro-Digitalisierungsmaßnahmen auf das digitale SD-Videobandformat DVCPro50 statt; alle zehn bis 15 Jahre müssen die Medien aus konservatorischen Gründen konvertiert werden. Das Servicefeld „Wissens-Speicher“ umfasst Tonbänder seit 1946, die in Rollregalen gelagert werden und allesamt abspielbar wären, zudem 40.000 Bände der Bibliothek, aber insbesondere den Massenspeicher für Audio- und Videofiles, ein PowderHorn (Tape Library) mit der Kapazität von imposanten 1,2 Petabyte. Bänder dieser Bandlaufwerke werden automatisch gewechselt und im ungenutzten Zustand zudem ständig auf ihre Integrität hin kontrolliert und gegebenenfalls ersetzt. Beim Raumklima und bei der Umgebungsgestaltung (in Benutzung) orientiert man sich auch bei Radio Bremen am archivischen Standard der DIN ISO 11799, achtet auf gleich bleibende Umgebungstemperatur und konstante relative Luftfeuchtigkeit (19 bis 21 °C und 45 bis 55 % r. F.). Die Lagerungsklimata sind hingegen sehr differenziert (z.B. Film 3°C bei 30% r. F.), sodass spezielle Aufmerksamkeit auf die Akklimatisierung zu richten ist (1 °C pro Stunde). Zum Auffinden von Informationen und zur Recherche nutzen die Radio Bremen-Archive verschiedene Datenbanken, und zwar speziell für den Hörfunk, für Video/TV, für die Presse, dann das Munzinger-Archiv, das Produkt „Zeitlupe“, das dem Träger den komfortablen Archivservice tagtäglich vor Augen führt, und schließlich ein Redaktionssystem mit integriertem Produktions- und Managementmodul. Abschließend gab Egles mit den Stichwörtern Text Mining, Audio Mining und Video Mining einen Ausblick auf zukünftige Struktur-Analyseverfahren für die schnellere Erschließung in den Produktionsarchiven von Radio Bremen. Vortrag und anschließende Diskussion machten zum einen deutlich, welche technische Herausforderung der sachgerechte Umgang mit bandgestützten Medien für die Archive darstellt. Zum anderen lautete die Empfehlung für die – im Vergleich zum Radio Bremen-Archiv – kleinen kirchlich-diakonischen Archive, sich bei dieser Herausforderung im Verbund zu formieren, keine „Insellösungen“ zu unternehmen und von größeren und außerarchivischen Partnern (z. B. Landesmedienzentren) zu profitieren.

Es folgte ein gemeinsamer Erfahrungsaustausch. Themen waren hier u. a. das unter Vorsitz von Dr. Stefan Flesch im Entstehen begriffene Rheinische Pfarrerbuch und eine angedachte Neufassung der bereits etwa 15 Jahre alten Gebührenordnung der EKD. Am Abend folgte der Empfang der Bremischen Evangelischen Kirche, der dem kollegialen und geselligen Miteinander bei einem höchst leckeren und reichhaltigen Büfett diente.

Der nächste Tag begann mit einer Andacht in der romanischen Ostkrypta des St. Petri-Doms, die Pastor Dr. Peter Ulrich hielt. Darauf folgte die Aufteilung der Teilnehmenden in die Arbeitsgruppen 3 und 4. Die AG 3 stand unter dem Thema „Urheberrechte und Eigentumsrecht an Digitalisaten und Kopien“ und wurde von der hannoverschen Oberkirchenrätin Frau Schwerdtfeger geleitet. Das Urheberrecht wurde noch einmal definiert. Es umfasst drei Gruppen von Rechten:

1.) das stets unveräußerliche Urheberpersönlichkeitsrecht,
2.) die Verwertungsrechte sowie
3.) sonstige Rechte: Zugangsrecht, Folgerecht, Vergütung für Vermieten und Verleihen

Das Urheberrecht hat jahrzehntelange Schutzfristen. Diese Fristen betragen bezogen auf Fotografien bei Werken 70 Jahre und bei Lichtbildern – hier gilt eine geringere „Gestaltungstiefe“ – 50 Jahre nach Tod des Urhebers. Da die Unterscheidung zwischen Werken und bloßen Schnappschüssen oft nicht eindeutig und juristisch schwer zu begründen ist, gilt aber im Zweifelsfall die längere 70-Jahr-Frist.

Die AG 4 hatte „Die neue Kassationsordnung“ zum Inhalt und wurde von Dr. Wolfgang Krogel aus Berlin geleitet, der auch die genannte Ordnung mit auf den Weg gebracht hat. Mitinitiatoren und -autoren dieser „EKD-Richtlinie zur Kassation wertlosen Schriftgutes“ sind Dr. Udo Wennemuth aus Karlsruhe und ein Jurist aus Kassel. Zielgruppe sind Registraturen und Archive. Das Ziel ist die Organisation des vorachivischen Raums, nachdem bestehende Richtlinien veraltet sind. Die Notwendigkeit einer solchen Kassationsordnung ergibt sich auch aus der Einführung eines Dokumenten-Management-Systems (DMS) in Baden. Da der Entwurf bis heute nicht den zuständigen Gremien vorgelegt geschweige denn von diesen angenommen wurde, hat sich der Verband entschlossen diese Ordnung als Richtlinie selbst in Umlauf zu geben und sie auf der Homepage einzustellen. Bestandteile sind die Richtlinie selbst, allgemeine Erläuterungen sowie Erläuterungen zum Verfahren. Die Richtlinie versteht sich als „Verwaltungsordnung über die Aufbewahrung, Aussonderung und Vernichtung (Kassation) von Unterlagen kirchlicher Körperschaften, Einrichtungen und Werke; gilt entsprechend für den Bereich des Diakonischen Werkes und für sonstige selbständige kirchliche Einrichtungen und Vereine“. Bei der kritischen Durchsicht dieser Ordnung kam aus der Arbeitsgruppe der Vorschlag, die wiederkehrende Formulierung „landeskirchliches Archiv“ durch „zuständiges Archiv“ zu ersetzen, da das zuständige Archiv zwar in den meisten Fällen, aber nicht immer das „landeskirchliche Archiv“ sei (Beispiel: Missionsarchive).

Die Ordnung enthält als Empfehlungen Bewertungsmodelle nach folgenden Aktengruppen:
– allgemeine Verwaltungsakten
– Personalverwaltung
– Finanzverwaltung
– Bauakten
– Sammlungen
– Veranstaltungen

Oft schwierig zu bewerten sind Personalakten, die sich in folgende Unterakten aufteilen können: Grund-, Bei- und Teilakten sowie Sonderakten (Disziplinarakten) und Nebenakten bei anderen Dienststellen, Ausbildungs- und Prüfungsakten etc. Zur Steigerung der Praxistauglichkeit sind der Ordnung ein konkreter Aufbewahrungs- und Kassationsplan sowie ein alphabetisches Stichwortverzeichnis beigefügt.

Erwähnt sei noch, dass Dr. Claudius Kienzle von der Koordinierungsstelle Retrokonversion in Marburg auf ein DFG-Projekt hinwies, das die Retrokonversion archivischer Hilfsmittel unterstützt. Auf Antrag können Archive durchaus hilfreiche finanzielle Unterstützungen erhalten. Da wohl jedes Archiv noch über maschinenschriftliche Findmittel oder gar handschriftliche Repertorien verfügt, kann dies eine wertvolle Hilfe für den weiteren Übergang in das digitale Zeitalter sein.

Die Tagung schloss mit einer Abschlussbesprechung und einem ebenfalls sehr leckeren Mittagessen für alle.

Einige Teilnehmende fügten noch einen Besuch des Dom-Museums an, der sich nach meinem Eindruck sehr gelohnt hat, da hier wahre Schätze aufbewahrt werden, die z. T. erst bei Ausgrabungen Mitte der 1970er-Jahre zum Vorschein kamen. Das Dom-Museum lässt auch die immense Bedeutung der ehemaligen Kathedrale erahnen, die diese zumal als Sitz des früheren Erzbistums hatte.

Das nächste Treffen der norddeutschen Kirchenarchive wird in der Pfingsten 2012 entstehenden Nordkirche stattfinden. Tagungsort ist Güstrow, der Termin der 13./14. Mai 2013.

Rainer Allmann (Hermannsburg)

Download: Bericht vom 22. Norddeutschen Kirchenarchivtag in Bremen, 14./15. Mai 2012 (pdf)

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