19. Tagung der süddeutschen Kirchenarchive in Frankfurt am Mai am 17./18. Mai 2010

Zur 19. Tagung der süddeutschen Kirchenarchive trafen sich Archivarinnen und Archivare aus 15 Archiven in der Evangelischen Stadtakademie Frankfurt. Die insgesamt 32 Teilnehmenden folgten zum dritten Mal in der Geschichte der süddeutschen Tagungen einer Einladung der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau. In ihrem Grußwort nahm die Leiterin der Kirchenverwaltung, Frau Oberkirchenrätin Sigrid Bernhardt-Müller auf den gegenwärtigen Reformprozess in den beiden hessischen evangelischen Landeskirchen Bezug, der unter anderem neue Modelle der Kooperation erzeuge. Gerade in dieser Situation seien Identität und Selbstvergewisserung, die sich aus der Geschichte speisten, wichtige Faktoren, die in den Kommunikationsprozessen beachtet werden müssten. Dies gelte gerade auch für Frankfurt mit seiner Kirchenlandschaft in der Großstadt.

Anschließend begrüßte Ute Knie, die Leiterin der Evangelischen Stadtakademie, die Gäste. Sie stellte die besonderen Aufgaben einer Stadtakademie im großstädtischen Kontext dar, die sich im Spannungsfeld von Kultur, Religion und städtischem Umfeld positioniere. Nicht von ungefähr nimmt die Adresse der Einrichtung „Römer 9“ auf den Römerbrief Bezug.

Das eigentliche Tagungsprogramm eröffnete Gerlind Lachenicht vom Landeskirchlichen Archiv Berlin mit ihrem Projektbericht über die Entwicklung einer Erinnerungskultur mit Hilfe ehrenamtlicher Kräfte. Im Mittelpunkt der inhaltsreichen und eindrucksvollen Darstellung standen Erfahrungen in den Projekten „NS-Zwangsarbeit“ und „Christen jüdischen Herkunft im Nationalsozialismus“. Gerlind Lachenicht machte deutlich, dass es in beiden Projekten eine starke Wechselwirkung zwischen engagierter Basis und Impulsen aus der Kirchenleitung gegeben habe. Insbesondere der Aufruf Bischof Hubers zum Gedenken an die Christen jüdischer Herkunft habe einen nachhaltigen Impuls erzeugt. Am zweiten Projekt waren 12 Berliner Gemeinden beteiligt, die zunächst die Taufbücher von 1865 bis in die 1940er Jahre als grundlegende Quelle auswerteten. Indikator für eine Aufnahme in die Liste war der Zusatz „mosaisch“ bei den Eltern von Täuflingen. Insgesamt konnten 4.000 Personen ermittelt werden. In dem 2008 publizierten Gedenkbuch „Evangelisch getauft – als Juden verfolgt“ werden die Lebenswege dieser Menschen dokumentiert.

Die traumatischen Erinnerungen überlebender Christen jüdischer Herkunft führen auch die Projektbeteiligten oft an ihre Grenzen. Da immer mehr Berliner Kirchengemeinden seit 1935 Taufverbote für jüdische Mitbürger aussprachen, fanden Taufen häufig in der Messiaskapelle statt, eine Einrichtung der so genannten „Judenmission“. Insgesamt 700 Taufen konnten dort belegt werden. Nach einem Eigentümerwechsel wurde der denkmalgeschützte Gebäudekomplex, in dessen Hinterhaus die Messiaskapelle liegt, im April 2009 für eine Sanierung geschlossen, die aber derzeit noch nicht begonnen hat. Die lebendige Erinnerungskultur an diesem Ort musste deshalb vorläufig eingestellt werden.
Unter anderem organisierte der Arbeitskreis szenische Lesungen von Jugendlichen auf der Grundlage von Recherchen. Die Ausstellung „Getauft – Verstoßen – Deportiert“ erinnert an die Christen jüdischer Herkunft in Berlin. Die Auseinandersetzung mit diesem dunklen Abschnitt Berliner Kirchengeschichte führt auch dazu, dass Gemeinden sich heute zu ihrer Verantwortung bekennen. Ein Beispiel hierfür ist die Gemeinde in Lankwitz, die in ihrer Kirche eine Tafel mit einem entsprechenden Text angebracht hat.

Seit 2001 besteht eine Arbeitsgemeinschaft Berliner Kirchengemeinden, die während der Zeit des Nationalsozialismus Zwangsarbeiter beschäftigt haben. Hier wird eine besondere Erinnerungs- und Versöhnungsarbeit geleistet. Ein wichtiges Ergebnis ist die Publikation „Zwangsarbeit in Kirche und Diakonie. Spezialinventar zu den Quellen in Archiven Berliner Kirchengemeinden 1939-1945 (=Archivbericht Beiheft Nr. 63)“. Die Bedeutung des ehrenamtlichen Engagements sieht Gerlind Lachenicht insbesondere in den vielfältigen Lernerfahrungen, in einer Vernetzung der Gemeinden und in der ganz persönlichen Biographiearbeit einzelner. In beiden Projekten hätten sich Ehrenamtliche als wertvolle Träger eines Prozesses von Erinnerungskultur und Identitätssuche erwiesen.

In Ergänzung des Vortrags aus Berlin wies Holger Bogs, Leiter des Zentralarchivs der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau (EKHN), auf den Vorbildcharakter des Berliner Projektes für Fortführung und Ertragssicherung des von EKHN und EKKW gemeinsam durchgeführten wissenschaftlichen Projektes „Die hessischen Kirchen und ihr Umgang mit Christen jüdischer Herkunft während der NS-Zeit“ in Kirchengemeinden, insbesondere in Frankfurt am Main hin.

Der erste Tag wurde abgerundet durch eine historische Stadtführung und einen Besuch im Bibelhaus Erlebnismuseum, das alle Teilnehmenden zum interaktiven Besuch der Ausstellung „Judäa und Jerusalem. Leben in römischer Zeit“ einlud. Den Ausklang bildete ein gemeinsames Abendessen in einem Restaurant in Sachsenhausen, zu dem die gastgebende EKHN einlud.

Der zweite Sitzungstag wurde von Ute Dieckhoff vom Zentralarchiv der EKHN eröffnet. Sie referierte über „Kirchliche Oberbehörden und Territorien am Beispiel der EKHN und ihrer Vorgängerkirchen“. Der Überblick über die territoriale und administrative Entwicklung der Evangelischen Landeskirchen, aus denen die EKHN 1947 entstand – Hessen(-Darmstadt), Nassau und Frankfurt am Main – wurde ergänzt durch den Hinweis auf die entsprechend verschiedenen Verwaltungstraditionen verhafteten Archivbestände. Infolge des Zweiten Weltkrieges sind starke Verluste in der Überlieferung eingetreten. Eine Hilfe bei der Orientierung bieten die Online-Findbücher, die auf der Homepage des Archivs (www.ekhn.de) und im Archivportal unter ekhn-zentralalarchiv.findbuch.net eingesehen werden können.

Anschließend stellte Anette Neff unter dem Titel „Verba sacra. Zeitzeugenschaft im kirchlichen Kontext“ die im Zentralarchiv der EKHN zumeist systematisch erstellten und archivierten Zeitzeugenberichte vor. Dabei handelt es sich um Lebensberichte kirchlich engagierter Menschen aus verschiedenen Projekten. Inzwischen sind über 100 Tondokumente vorhanden, wobei sich die Länge der Interviews zwischen 40 Minuten und 16 ½ Stunden bewegt. Die im Zentralarchiv verorteten Projekte sind den wissenschaftlichen Grundsätzen der Oral History verpflichtet. Besonders das Herzstück dieser Interviews, die 50 Lebensberichte aus dem Projekt “Erzählte Geschichte der EKHN“ bieten eine wichtige Ergänzung zur amtlichen Überlieferung. Die Bandbreite der Themen umfasst Kirchenkampf in Wiesbaden, Evangelische Frauenhilfe, Kirche und Politik, Kriegserlebnisse von Pfarrern, Zwangsarbeit und die EKHN im Fokus der DDR-Staatssicherheitsbehörden 1949-1990. Die interviewten Einzelpersonen sind zu 60% männlich und zu 40% weiblich.

Als Interviewtechnik wird das halboffene, narrative Interview mit Leitfragen angewandt. Die lebensgeschichtlichen Interviews sind auf eine Zweitverwertbarkeit angelegt, das heißt die hier erzeugten Quellen sollen zu vielfältigen Forschungszwecken herangezogen werden können. Alle Interviews werden digital aufgezeichnet, in den PC überspielt und verschriftet. Innerhalb des Teams besteht eine Vereinbarung über die Grundsätze der Verschriftung, wobei Einvernehmen darüber herrscht, dass die Transkription das geführte Gespräch nicht ganzheitlich abbilden kann. Beide Versionen, die mündliche und die schriftliche, werden daher archiviert. An zahlreichen Beispielen belegte Anette Neff die Sensibilität, die eine Gesprächsführung erfordert, wenn das Gespräch gewinnbringend sein soll.

Die lebhafte Diskussion im Anschluss an alle Vorträge der Tagung belegte die Bedeutung der Projektarbeit in Archiven. Die nächste Tagung der süddeutschen Kirchenarchive wird nach derzeitigem Planungsstand am 9./10. Mai 2011 auf Einladung der Württembergischen Landeskirche in Stuttgart stattfinden. 2012 wird die Südschienentagung voraussichtlich Gast der Evangelischen Kirche im Rheinland sein.

Gabriele Stüber, Speyer

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