Kulturarbeit evangelischer Archive und Bibliotheken. Jahrestagung der Arbeitsgemeinschaft der Archive und Bibliotheken in der evangelischen Kirche (Güstrow, 5.-7. Mai 2010)

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Abb.: Tagung Arbeitsgemeinschaft Archive und Bibliotheken 7. Mai 2010 in Güstrow, Plenum diskutiert das Kirchenbuchportal (Foto: B. Wischhöfer).

53 Vertreter und Vertreterinnen kirchlicher Archive und Bibliotheken und ihrer Trägereinrichtungen reflektierten auf der Gesamttagung der Arbeitsgemeinschaft der Archive und Bibliotheken in der evangelischen Kirche in Güstrow vom 5. bis 7. Mai 2010 intensiv die kulturelle Bedeutung ihrer Arbeit. Praxisberichte zeigten eindrucksvolle Beispiele für die Teilhabe von Bibliotheken und Archiven an der kirchlichen Kulturarbeit. Allerdings wird dieser Aspekt ihrer Arbeit gern ignoriert, ja ihre Notwendigkeit mitunter in Frage gestellt.

In seinem einleitenden Vortrag „Archive und wissenschaftliche Bibliotheken als Teil kirchlicher Kultur“ setzte Dr. Hans Otte, Landeskirchliches Archiv Hannover, sich zunächst mit der Infragestellung durch die „Sparfüchse“ auseinander. Dem „Totschlagargument“, die Unterhaltung von Archiven und Bibliotheken gehe in wirtschaftlich schwierigen Zeiten zu Lasten der Verkündigung, liegt ein zu enges Verständnis von Verkündigung zu Grunde. Denn Verkündigung kann in unterschiedlichen Formen unter unterschiedlichen Handlungsbedingungen geschehen. Kirchliche Archive und Bibliotheken ermöglichen gerade kirchenfernen Besuchern einen offenen Zugang zum kirchlichen Handeln und zum Evangelium. So könne – frei nach Luther – der Heilige Geist auch in Archiven und Bibliotheken erfahren werden. Hierfür ist natürlich ein positiver Eindruck des Benutzers Voraussetzung, beginnend mit einer angemessenen Ausstattung der Leseräume und höflichem Umgang der Mitarbeiter untereinander und mit Benutzern. Die Benutzerinnen und Benutzer müssen sich – einschließlich der Familienforscher – willkommen fühlen. Kirchenarchive sind eine unaufgebbare Voraussetzung der Bewahrung kirchlicher Tradition. „Die Fürsorge für die eigene Tradition ist tief im Christentum verankert.“ Immer wieder wurden der Rückgriff auf die Heilige Schrift und auf die Tradition zum Movens geistlicher Neuerungsbewegungen. Die Landeskirchen vergewissern sich ihres Ursprunges aus der Reformation. Auch eine Kirchengemeinde kann es sich nicht erlauben, ihre historische Verankerung zu ignorieren. Deshalb bedarf sie unbedingt eines Kirchengemeindearchivs. Allerdings bedürfen die Pfarrer für die Ordnung und Nutzung ihres jeweiligen Archivs unbedingt der kompetenten Unterstützung durch die Archivare, denn paläographische Kenntnisse können nicht von ihnen erwartet werden. Unentbehrlich für Kirchengemeindearchive ist auch die fachkundige Bewertung und Kassation durch Archivare. Die Notwendigkeit der Kassation begründete Otte mit einem Zitat Niklas Luhmanns: „Sinn stellt sich erst durch die Reduktion von Komplexität her.“ Bewertung kirchlichen Schriftguts setzt allerdings auch Kenntnis kirchlicher Verwaltungsgeschichte voraus, die in der Regel nur Kirchenarchivare haben. Otte illustrierte das am Verlust zentraler Überlieferung zur Geschichte der Ev.-Luth. Landeskirche Schaumburg – Lippe durch Kassationen in deren Depositalbestand durch das verwahrende Staatsarchiv. Eine Einführung in kirchliche Strukturen und Begriffe durch einen kompetenten Archivar ist auch für kirchenferne Studierende unentbehrlich. Archivarinnen und Archivare müssen in ihrer Beratungstätigkeit Orientierung anbieten, ohne allerdings Fehler und Schuld in der Vergangenheit schönzureden oder zu leugnen.
Wie die Archive sind – so Otte – auch die Bibliotheken Störfaktoren in den Sparkonzepten. Gefährdet sieht er eher die selbstständigen Bibliotheken als die Dienstbibliotheken. Staats- wie kommunale Bibliotheken haben nach Otte jedoch heutzutage kein Interesse mehr an der Übernahme kompletter Bibliotheken. Sie interessieren sich allenfalls für die Zimelien. Bei der Katalogisierung kirchlicher Druckschriften und anderer spezieller kirchlicher Literatur sind nicht-kirchliche Bibliotheken extrem zurückhaltend. Hier verfügen die kirchlich-wissenschaftlichen Bibliotheken über sehr gute, sogar über das Internet nutzbare Angebote, wie z.B. den Predigtkatalog, den sie gemeinsam mit der Arbeitsgemeinschaft Katholisch-theologischer Bibliotheken betreiben. Die Beratungstätigkeit der Bibliothekarinnen und Bibliothekare ist unaufgebbar. Anders als Archive verfügen Bibliotheken über eine öffentlichkeitswirksame Aura, die sie auch als Veranstaltungsort für feierliche Veranstaltungen interessant machen. Auch deshalb ist ihr Beitrag zur kirchlichen Kulturarbeit den Trägern deutlicher als der der Archive.

Die kommunikative Funktion kirchlicher Archive und Bibliotheken betonte Klaus-Dieter Kaiser, Evangelische Akademie Mecklenburg-Vorpommern, in seinem Vortrag „Auferstehung geschieht im Zeigen. Kunst in der Kirche zwischen Archivieren und Inszenieren“. In Bibliothek oder Archiv entstehe ein Kosmos, der einen Dialog mit Abwesenden ermögliche. Voraussetzung sei, dass das Archiv nicht zum „Friedhof der Dinge“ (Boris Groys) werde, sondern Korrespondenzen und Strukturen herstelle, die neue Einsichten ermöglichen. Kaiser übertrug das von Albrecht Grözinger für das Pfarramt postulierte „Amt der Erinnerung“ [Albrecht Grözinger, Das Amt der Erinnerung – Überlegungen zum künftigen Profil des Berufs der Pfarrerinnen und Pfarrer, in: Ders., Die Kirche – ist sie noch zu retten? Anstiftungen für das Christentum in postmoderner Gesellschaft, Gütersloh ²1998, S. 134-141] auch auf kirchliche Archive und Bibliotheken. Als Orte der Traditionssicherheit könnten sie über Zeiterfahrungen hinweg das Gespräch mit den Toten ermöglichen. Die Ausübung des Amtes der Erinnerung koste Geld. Zu berücksichtigen sind aber soziale Konsequenzen des Archivierens, das auch zu einer Sammlung von Menschen führe. Abschließend schilderte Kaiser die widerständigen Funktionen kirchlicher Kulturarbeit unter den Bedingungen des real existierenden Sozialismus.
Auf seinen Rückblick auf die (von ihm im Kirchenamt der EKD 1996 bis 2004 mitverantwortete) Kulturarbeit der EKD zu Beginn seines Vortrages bezogen sich kritische Anfragen zur Kulturdenkschrift der EKD „Räume der Begegnung Religion und Kultur in evangelischer Perspektive, Gütersloh 2002“ aus, die Archive und Bibliotheken nicht berücksichtigt. Eine wirkliche Erklärung bot Kaiser nicht.

Die Kulturarbeit der Archive und Bibliotheken der katholischen Kirche in Mecklenburg wird angeleitet und unterstützt vom Heinrich-Theißing-Institut in Schwerin. Wie dessen Leiter Dr. Georg Diederichs erläuterte, ist dieses Institut mit seinen vielfältigen Funktionen in der katholischen Kirche in Deutschland „ein Experiment.“ Das Institut hat als Dokumentationszentrum für Kirchen- und Zeitgeschichte die Aufgabe, die mecklenburgische Kirchengeschichte in der Zeit der Diktaturen darzustellen. Die Archivarin des Instituts leitet die Pfarreien beim Ausbau ihrer Archive an. Ebenso unterstützt es die Pfarreien bei Ausstellungsprojekten. Zum Institut gehört auch ein Verlag. Diederichs stellte die Ausstellungsprojekte zur Historischen Bibliothek St. Anna vor, der von ihm wiederentdeckten Bibliothek des Proseminars der Jesuiten in Schwerin aus dem 18. Jahrhundert.

Beispiele aus der Praxis ihrer Kulturarbeit stellten am 6. Mai die Landeskirchliche Zentralbibliothek Stuttgart, das Zentralarchiv der Ev. Kirche der Pfalz, Speyer, das Nordelbische Kirchenarchiv Kiel gemeinsam mit dem Landeskirchlichen Archiv Schwerin, die Bibliothek der Theologischen Hochschule Friedensau und die Nordelbische Kirchenbibliothek, Hamburg, vor. Anlass der Stuttgarter Ausstellung „Aus dem Staube gezogen- zum Schmuckstück gemacht“ war die Schenkung einer eigens restaurierten Dillher-Bibel aus dem Jahr 1690 durch den früheren Schuldekan Dietrich Elsner. Dr. Andreas Lütjen hatte zu seiner Präsentation den Band mitgebracht, in dem die Restauratoren Arbeitsschritte der Restaurierung für die Ausstellungsbesucher durch eingeklebte Materialien wie z.B. Japanpapiere, aber auch vorgefundene Schädlinge anschaulich dokumentiert hatten. Außer in diesem Band durften die Besucher selbst in der restaurierten Bibel und in noch zu restaurierenden Bänden blättern. Die Ausstellung wurde im Lesesaal gezeigt.

Dr. Julia Hamelmann stellte mit der Ausstellung „Gesangbücher – „Weggefährten des Glaubens“ die Konzeption für die Ausstellungsarbeit des Ev. Zentralarchivs Speyer vor. Grundsätzlich werden Ausstellungen zu übergreifenden Themen angeboten, keine expliziten Archivalienausstellungen. Zur Verfügung stehen 12 Tafeln im Format 83×83 cm in weißen Wechselrahmen mit Licht- und UV-Schutz, zwei Tischvitrinen und eine Hochvitrine. Die Tafeln gestaltet das Archiv gemeinsam mit einem Designer. In den Vitrinen werden Archivalien gezeigt, Die Ausstellungen sind von vornherein als Wanderausstellungen so konzipiert, dass die Wandtafeln auch ohne die Archivalien verständlich sind, zugleich aber auch durch eigene Archivalien des Entleihers ergänzt werden können. Die Kosten pro Ausstellung belaufen sich auf 4000 bis 5000 €. Die Gemeinden zahlen für die Ausleihe 130 €.

Auf Initiativen der jeweiligen Landessynode geht die Wanderausstellung „Kirche, Christen und Juden 1933-1945“ zurück, die von 2001 bis 2007 in Nordelbien gezeigt wurde und ab Herbst 2007 in einer Fassung des Landeskirchlichen Archivs Schwerin zwei Jahre in Mecklenburg zu sehen war. Ihr Thema ist das Schweigen der evangelischen Kirche und ihrer Glieder angesichts der Judenverfolgung, nicht die neuerliche Darstellung des sog. Kirchenkampfs. Dies veranschaulichen Biographien von Opfern, Tätern und Menschen, die sich der Judenverfolgung widersetzten. In der Präsentation von Dr. Annette Göhres, Kiel, beeindruckte, wie realistisch die Konzeption auf die Gegebenheiten in Kirchengemeinden ausrichtet ist. So werden z.B. die Zeittafelnschilder in die Bankreihen geklebt. Das Ziel, in den Kirchenkreisen zu einer vertiefenden Beschäftigung mit dieser Problematik anzuregen, wurde über ein lokales Fenster zu den Ereignissen im jeweiligen Kirchenkreis erreicht. Bei ihrer Bewerbung um die Wanderausstellung mussten die Kirchenkreise eine Arbeitsgruppe zur Darstellung ihrer eigenen Geschichte im lokalen Fenster und ein Vortragsprogramm vorweisen. Auf diese Weise waren in Nordelbien knapp 1000 Menschen an der Vorbereitung der Ausstellungen beteiligt; weitere wurden über die zu den biographischen Stationen ausliegenden Dialogbücher aktiv miteinbezogen. Die Hauptlast trug im Wortsinn das Team des Nordelbischen Kirchenarchivs, das Außenlogo und Freischwinger – angefertigt in der Metallwerkstatt der Justizvollzugsanstalt Kiel – von Ort zu Ort schleppen musste. Die Ergebnisse des Projektes dokumentieren Veröffentlichungen und die Website http://www.kirche-christen-juden.org.

Die Übernahme der Ausstellung in die Ev.-Luth. Landeskirche Mecklenburgs war nur mit ausführlichen Ergänzungen zur kirchlichen Zeitgeschichte in Mecklenburg möglich, wie Dr. Johann Peter Wurm, Schwerin, schilderte. Sie erarbeitete das Landeskirchliche Archiv Schwerin innerhalb von vier Monaten gemeinsam mit dem Leiter des Stadtarchivs Schwerin, Dr. Bernd Kasten. Neu eingefügt wurde eine Abteilung zur mecklenburgischen Sippenkanzlei, die „die Mittäterschaft der Kirche bei der Erbringung der Ariernachweise“ thematisiert. 20 Personen aus der Ev.-Luth. Landeskirche Mecklenburgs wurden exemplarisch mit Kurzbiografien, Quellentexten und Fotos auf je einem Faltblatt vorgestellt. Diese Faltblätter zum Mitnehmen ergeben den Katalog. Vitrinen und Freischwinger wurden in Kiel ausgeliehen. Zeittafeln im Format DIN A 2 werden auf leichten, mit Stoff überzogenen Hartschaumtafeln mit Kreppfolien angebracht. An der Ausstellungseröffnung im Schweriner Dom beteiligte sich auch der Landesrabbiner mit einem Grußwort. Die mecklenburgische Ausstellung richtet sich primär an die Gemeinden. In beiden Bundesländern wurde „Kirche, Christen und Juden 1933-1945“ auch im jeweiligen Landtag gezeigt.

Eine Erkrankung hinderte Ralph Köhler, Friedensau, an der Teilnahme an der Tagung. Seinen Beitrag „Kleine Ressourcen – großer Effekt“ über Einsätze von Teilnehmern am Freiwilligen Sozialen Jahr Kultur in der Bibliothek der Hochschule der Freikirche der Siebenten-Tags-Adventisten präsentierte Armin Stephan, Augustana-Bibliothek, Neuendettelsau.

Möglichkeiten des Fundraisings auf lokaler Ebene schilderte Dr. Joachim Stüben, Hamburg, in seinem Vortrag „Konzert- und Vortragsveranstaltungen im Rahmen von Fundraisingprojekten“. Am Beispiel ausgewählter Benefizveranstaltungen im Rahmen der Restaurierungsprojekte „Breitenberger Predigerbibliothek“ und „Wöhrdener Bücher“ führte er aus, worauf zu achten ist, wenn sich ein Ort oder eine Region die Restaurierung von Büchern oder Archivalien zu Eigen machen und auch private Spender aktiviert werden sollen: Die zu restaurierenden Objekte wie – in einer späteren Phase – die erfolgreich restaurierten müssen vor Ort im Original präsentiert werden. (Die Wöhrdener Wirtschaftsbücher wurden am Sitz des Propstes, im Dom zu Meldorf, vorgestellt.) Kirchengemeinde, ggf. auch Kirchenkreisvorstand und Propst, müssen von der kulturpolitischen Bedeutung des Projekts überzeugt werden. Die Zuwendungen regionaler Körperschaften wirbt eher der Ortspfarrer ein, überregionale Stiftungen werden u. U. eher über eine landeskirchliche Einrichtung erreicht. Die Benefizveranstaltungen müssen in einem geistlichen Rahmen stehen, z.B. durch die Lesung des Tagesevangeliums. Rede – und Musikbeiträge müssen gut gegeneinander abgestimmt werden. Die Musikstücke dürfen nicht zu lang und müssen abwechslungsreich sein. Reden und Vorträge zu den beworbenen Objekten sind in verständlichem Deutsch und überschaubarer Länge zu halten. Günstig wirkt die Verbindung eines Wortbeitrags mit der Überreichung eines Schecks. Die Veranstaltungsbesucher wollen erfahren, wie sie die Restaurierung konkret unterstützen können. Die an der Restaurierung beteiligten Firmen erhalten die Gelegenheit sich vorzustellen. Zum Abschluss der Veranstaltung wird um eine Spende am Ausgang gebeten.

Anja Emmerich, Bibliothek des Landeskirchenamts Bielefeld, trug das Manuskript des verhinderten Dr. Jens Murken, Landeskirchliches Archiv Bielefeld, zum 2009 eröffneten Kulturzentrum „Martin Luther Forum Ruhr“ in Gladbeck vor. Das Martin Luther Forum Ruhr, Bestandteil des Programms der Kulturhauptstadt Ruhr 2010, wird von einem gleichnamigen, von Privatpersonen gegründeten Verein unterhalten, dem auch die Ev.-Luth. Kirchengemeinde Gladbeck und der Kirchenkreis Gladbeck-Bottrop-Dorsten angehören. Neben Gesprächsabenden zu gesellschaftspolitischen Themen und kulturellen Angeboten präsentiert das unabhängige Bürgerforum seit April 2010 eine Dauerausstellung „Reformation und Ruhrgebiet“, die die Auswirkungen der Reformation bis in die Gegenwart verfolgt.

Am Donnerstagnachmittag fanden die Mitgliederversammlungen und die Sitzungen der Verbände statt. Den neu gewählten Vorstand bilden: Vorsitzender: Dr. Michael Häusler, Archiv und Bibliothek des Diakonischen Werkes der EKD, Berlin; Stellvertreterinnen: Anja Emmerich, Bibliothek des Landeskirchenamts Bielefeld, und Dr. Bettina Wischhöfer, Landeskirchliches Archiv Kassel; weitere Vorstandsmitglieder: Jürgen Drechsler, Landeskirchenamt Hannover, Dr. Stefan Flesch, Landeskirchliches Archiv Düsseldorf, Rainer Gritzka, Kirchenamt der EKD, Hannover, Timo Koch, Landeskirchenamt Kassel, Renate Kuffart, Evangelische Hochschule Ludwigsburg, Rainer Rausch, Ev. Oberkirchenrat Schwerin, Armin Stephan, Augustana-Bibliothek, Neuendettelsau und Dr. Johann Peter Wurm, Landeskirchliches Archiv Schwerin.

Am 7. Mai informierten Dr. Gabriele Stüber, Zentralarchiv der Ev. Kirche der Pfalz, Speyer und Dr. Bettina Wischhöfer, Landeskirchliches Archiv Kassel, über „Aktuelle Entwicklungen im Projekt ‚Kirchenbuchportal’“. Seit der Fachtagung zur Kirchenbuchnutzung 2006 entwickelte sich das Vorhaben eines Kirchenbuchportals rasant. Bereits seit 2007/8 sind Visitenkarten beteiligter evangelischer und katholischer Kirchenarchive im Kirchenbuchportal nutzbar, seit 2010 werden auch Metadaten zu Kirchenbüchern in das Portal eingestellt. Gepflegt wird es von Dr. Jens Murken, Landeskirchliches Archiv Bielefeld. In den Arbeitsgruppen, die die juristischen, technischen und betriebswirtschaftlichen Fragen prüfen, ist mehr als die Hälfte der Mitglieder der Leitung und des Wissenschaftlichen Beirats des Verbandes kirchlicher Archive engagiert; die EKD finanzierte das Geschäftsmodell. Über die einzelnen Phasen des Projekts wurde in Fachzeitschriften und auf Tagungen ausführlich berichtet. Nunmehr prüft die EKD die Möglichkeit einer Anschubfinanzierung für das Kirchenbuchportal, das sich drei Jahre nach dem Start über Gebühren selbst tragen soll. In das Portal sind allein 200.000 evangelische Kirchenbücher digitalisiert einzustellen, im ersten Jahr 20.000. Das Kirchenbuchportal wird Genealogen wie Wissenschaftlern die Benutzung der Kirchenbücher nicht nur erleichtern, sondern auch strukturierte und zutreffende Metadaten bieten – im Unterschied zu anderen Anbietern genealogischer Daten. Im Portal bleibt das eignende und betreuende Kirchenarchiv mit seiner Kompetenz sichtbar. Der Download der abgebildeten Seiten wird ausgeschlossen. Personaleinsparungen wird das Kirchenbuchportal nicht ermöglichen, aber die überlasteten Archivarinnen und Archivare für andere Aufgaben freistellen.

Das erste gemeinsame Projekt beider Verbände der Arbeitsgemeinschaft stellte Dr. Onno Frels, Hochschul- und Landeskirchenbibliothek Wuppertal, vor: die „Digitale Bibliothek Kirchenkampf.“ Die Auseinandersetzungen innerhalb der evangelischen Kirche in der NS-Zeit werden in einer Fülle von Kleinschriften der Bekennenden Kirche, der Deutschen Christen und der Deutschen Glaubensbewegung dokumentiert: Synodalprotokolle der Bekennenden Kirche, Vorträge, Predigten, Broschüren zur Darstellung der eigenen Position wie der des Gegners. Dieses Schrifttum ist vom Säurefraß bedroht, über viele Bibliotheken und Archive zerstreut und häufig unzulänglich katalogisiert. Diese unersetzlichen Quellen soll die die Digitale Bibliothek sichern und besser zugänglich machen. Ihr Konzept wird von Dr. Frels, Dr. Christa Stache, Evangelisches Zentralarchiv in Berlin, und Dr. Murken erarbeitet. Die Ziele der Digitalen Bibliothek: 1. Bestandsnachweis über Titelnachweis mit inhaltlicher Erschließung im WEB-OPAC des Virtuellen theologischen Katalogs, 2. Bestandsschonung, 3. Informationssicherung, 4. Benutzung, 5. Öffentlichkeitsarbeit. Die Informationen werden über die Digitalisierung gesichert; die Originale können nicht erhalten werden. Damit stellt sich allerdings das Problem der dauerhaften Aufbewahrung digitaler Unterlagen. Die Katalogisierung schließt den vollständigen Besitznachweis ein. Zuerst werden die Zeitschriften der Einrichtungen mit den größten Beständen digitalisiert, dann deren übrige Schriften. Die kleineren Einrichtungen müssen nur noch ihr Sondergut einbringen. Mittelfristig ist die Kooperation mit staatlichen Einrichtungen anzustreben, die über entsprechende Bestände verfügen. Die genauen Arbeitsschritte und Konzepte zur Finanzierung werden noch erarbeitet. Die urheberrechtlichen Fragen werden gemeinsam mit dem Deutschen Bibliotheksverband geprüft. Das Projekt fand begeisterte Zustimmung bei den Teilnehmenden, die sich sofort mit Fragen zur Umsetzung einbrachten. Dr. Otte machte darauf aufmerksam, dass die zeitgeschichtliche Forschung den Begriff „Kirchenkampf“ auf die Zeit 1933/34 eingeengt hat. Auch sollten seines Erachtens auch die Publikationen der DC aus den späten 1920er Jahren einbezogen werden. Die genaue bibliografische Identifizierung der jeweiligen Schriften ist nach der Erfahrung mehrerer Teilnehmerinnen so schwierig, dass sie mitunter Forschungsarbeit erfordert. Als Hilfsmittel zur Verschlagwortung und Ermittlung der Titel empfahl Frels einen Katalog aus dem Saur-Verlag: „Der Kirchenkampf: the Gutteridge-Micklem Collection at the Bodleian Library, Oxford. – London [u.a.] : Saur, [ca. 1988], 55 S.“ Für die Ermittlung des Gesamtvolumens wird die Arbeitsgruppe einen Fragebogen an alle Bibliotheken und Archive der Arbeitsgemeinschaft versenden. Anschließend werden die konkreten Vorgaben für die Katalogisierung festgelegt. Voraussichtlich wird für das Projekt eine Anschubfinanzierung der EKD erbeten werden müssen.

Die Dokumentierung und Erforschung der kirchlichen Zeitgeschichte muss mit dem Bemühen um die Erinnerungskultur verbunden werden. Dies zeigte der Vortrag von Dr. Wolfgang Krogel, Landeskirchliches Archiv Berlin, „Kirchengeschichte und Erinnerungskultur in der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz.“ In der Arbeit der Arbeitsgemeinschaft bzw. des Vereins für Berlin-Brandenburgische Kirchengeschichte war für Aktivitäten der Erinnerungskultur wenig Raum. Die Entdeckung des von 42 Berliner Gemeinden 1942-1945 für die Pflege ihrer Friedhöfe unterhaltenen Zwangsarbeiterlagers zeigte, dass die Landeskirche sich aktiv um Erinnerungsarbeit bemühen musste. Deshalb wurde 2005 die Clearingstelle Erinnerungskultur bei einem Ausschuss der Kirchenleitung gebildet. Als Ziele kirchlicher Erinnerungsarbeit wurden laut Krogel festgelegt: Die betroffenen Personen ermitteln und den Opfern ihre Würde wiedergeben; Begegnung und Versöhnung fördern, Hilfe leisten, wo die Not heute drückt. Gemeinsam mit den Kirchengemeinden Verantwortung als Landeskirche wahrnehmen. Durch gezielte wissenschaftliche Begleitung und Kooperationen zuverlässige Ergebnisse ermitteln; durch professionelle Präsentation der Ergebnisse gegenüber der Öffentlichkeit die Wahrnehmung der historischen Verantwortung glaubwürdig zeigen. Ein Ergebnis der Berliner Erinnerungsarbeit ist der Ausstellungspavillon der „Arbeitsgemeinschaft NS-Zwangsarbeit Berliner Evangelischer Kirchengemeinden“ auf der Gedenkstätte für kirchliche Zwangsarbeiter. Das Forum Erinnerungskultur im Landeskirchlichen Archiv Berlin betreut ebenso Projekte zur Verfolgung Christen jüdischer Herkunft. Künftig wird die Erinnerungsarbeit koordiniert von den Generalsuperintendenten, den Vorsitzenden der beiden kirchenhistorischen Vereine und dem Leiter des Landeskirchlichen Archivs.

Abschließend orientierte Dr. J. Marius J. Lange van Ravenswaay, Johannes a Lasco-Bibliothek Emden, über das „Das Kulturprojekt Johannes a Lasco-Bibliothek Emden.“ Nachdem die EKD und ihre Gliedkirchen das Stiftungskapital der Johannes a Lasco-Bibliothek, zu der auch ein Museum und ein Tagungszentrum gehören, auf 9 Millionen Euro aufgestockt hatten, konnte sie ihre Arbeit am 1. Februar 2010 wieder aufnehmen. Die Verwaltung des Stiftungskapitals liegt bei der EKD. Den zweiköpfigen Vorstand und die Mitarbeiter bezahlt die Evangelisch-reformierte Kirche. Zahlreiche Ehrenamtliche ermöglichen die Arbeit des Museums. Der laufende Haushalt wird nur aus den Zinsen des Stiftungskapitals bestritten. Wöchentlich finden mehrere Veranstaltungen in der Bibliothek statt. Im Melanchthonjahr wie zum Jubiläum des Heidelberger Katechismus 2013 sind wissenschaftliche Kongresse und Ausstellungen geplant.

Das weite Spektrum der Tagung wurde vertieft durch den Eröffnungsgottesdienst im Dom, Andachten und Besichtigungen. Im Anschluss an den großzügigen Empfang der Ev.-Luth. Landeskirche Mecklenburgs bestand für die Gäste auch Gelegenheit, sich über den Vereinigungsprozess der Nordkirchen zu informieren. Die geistliche Dimension der Arbeit von kirchlichen Bibliotheken und Archiven war im Verlauf der Tagung in besonderer Weise zu erfahren.

Carlies Maria Raddatz-Breidbach

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